Interview

PERSPEKTIVENTAG – BERUFSWELTEN
IN DER SCHULE ENTDECKEN

Julia Mayer, Berufspädagogin und Bildungsrebellin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendlichen frühzeitig Einblicke in die vielfältige Arbeitswelt zu ermöglichen. Statt anonymer Messehallen steht hier die Schule selbst im Mittelpunkt – ein Ort, an dem sich die Schüler:innen sicher fühlen und in entspannter Atmosphäre mit Unternehmen in Kontakt kommen können. Auch die Lehrkräfte profitieren und erhalten einen Einblick in die aktuellen Entwicklungen der Berufswelt. Im Gespräch teilt Julia Mayer ihre Erfahrungen und erklärt, warum die Schule der ideale Ort für diese Veranstaltung ist.

Um 09:30 Uhr geht es los. Die ersten Schülerinnen und Schüler betreten die Aula der Schule. Anfänglich noch etwas zögerlich gehen die Jugendlichen im Schutz der Kleingruppe zu den Unternehmen . Mit der Zeit tauen sie auf und auch die Grüppchen werden deutlich kleiner. Die Atmosphäre ist angenehm, die Schülerfirma sorgt für das leibliche Wohl. Im Getümmel die Organisatorin Julia Mayer.

 

Liebe Julia, hier ist ja richtig was los! Wie viele Unternehmen sind denn hier heute vertreten?

Es stellen sich heute 41 Unternehmen den Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Wow, 41. Da bekommen die Schüler:innen einen ersten richtig guten Rundumblick über die Berufswelt. Welche Unternehmen können die Schüler:innen heute kennenlernen?

Zu den teilnehmenden Institutionen und Unternehmen gehören heute u. a. die Polizei, die Justiz, Porsche, Papenburg, KSB, Kaufland, die Handwerkskammer aber auch die Arbeitsagentur und der Freiwilligen Dienstleister DRK.

Wie kam es dazu? Was war die Initialzündung?

Seit mehreren Jahren engagiere ich mich in verschiedenen Netzwerken im Kontext Schule und Beruf. Der Erfahrungsaustausch in den Netzwerken macht immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, Schüler:innen frühzeitig Perspektiven zu eröffnen. Die berufliche Orientierung kommt an vielen Schulen oft zu kurz. Das Erkennen und  Entdecken individueller Stärken, Veränderungen in der Arbeitswelt, neue Ausbildungsberufe, vielfältige Möglichkeiten nach der Schulzeit, Erstellen und (digitales) Verschicken von aussagefähigen Bewerbungs-unterlagen sind auch für Lehrkräfte herausfordernd. Eine (berufliche) Perspektive zu haben, führt zu Lernmotivation, einem Sinn und Ziel, zur Schule zu gehen und verringert die Wahrscheinlichkeit, nach der Schule im Unterstützungssystem hängen zu bleiben.

Den Ort Schule hast Du bewusst gewählt. Warum?

Der Ort Schule ist für mich die beste Wahl, weil er den Schüler:innen eine vertraute und geschützte Atmosphäre bietet. Bei großen Messen werden die Jugendlichen oft von ihren Eltern begleitet. Diese übernehmen dann teilweise die Gespräche mit den Unternehmen und die Jugendlichen selbst laufen nur mit.

Große Messen erreichen oft nicht alle Jugendlichen, insbesondere solche mit Migrationshintergrund und/oder aus benachteiligtem Umfeld, die aus unterschiedlichen Gründen gar nicht erst zu diesen Veranstaltungen gehen. In der Schule haben sie leichteren Zugang zu Unternehmen, relevanten  Informationen und kommen in überschaubaren Räumlichkeiten mit Unternehmen ins Gespräch.

Auch Lehrkräfte profitieren von dieser Veranstaltung. Sie erhalten  einen direkten Einblick in den Wandel der Berufswelt und erfahren aus erster Hand, welche neuen Berufe entstehen und welche Kompetenzen in der Arbeitswelt zunehmend gefragt sind. Besonders wertvoll ist es für sie, zu erfahren, worauf Betriebe bei Bewerbungen wirklich achten – und das sind oft nicht mehr die Noten, sondern vor allem Fähigkeiten, die persönliche Eignung und Praktika.

Hinter den Ständen der Unternehmen stehen viele junge Menschen. Das ist sicher kein Zufall.

Viele Betriebe sind hier in Begleitung ihrer Auszubildenden. Die Hemmschwelle für die Schüler:innen ins Gespräch zu kommen soll so gering wie möglich sein. Durch ähnliche schulische Laufbahnen und das Wissen über den Weg der Berufswahl, die Ausbildungsplatzsuche sowie den Alltag in der Ausbildung verstehen die Auszubildenden die Bedürfnisse und Fragen der Jugendlichen oft besser und können so authentischere Einblicke in die Berufe und Möglichkeiten geben.

Was braucht es am Ort der Schule für den Perspektiventag?

Es braucht vor allem ausreichend Platz für die unterschiedlichen Stände und Präsentationsflächen der Unternehmen, sodass sich die Schüler:innen gut orientieren können und genügend ‚Raum‘ für Gespräche habe.

Zudem braucht es konkrete Ansprechpartner:innen in der Schule, um die Schüler:innen gezielt vorzubereiten und ihnen zu ermöglichen, wirklich aktiv an der Veranstaltung teilzunehmen.

Wie kann das aussehen?

Schüler:innen bekommen einen kleinen Leitfaden mit Fragen, der ihnen hilft, mit den Unternehmen ins Gespräch zu kommen. Hier geht es dann aber weniger darum herauszufinden wie viele Mitarbeiter:innen Unternehmen XY hat, sondern darum auf Entdeckungstour zu gehen und z. B. das coolste Merch zu finden oder ein Unternehmen, das man nicht kennt. Der Schwierigkeitsgrad kann dann zunehmen. Die Schüler:innen sollen beispielsweise von drei Unternehmen in Erfahrung bringen, worauf diese bei Bewerbungen besonders achten. Das ist dann ein bisschen wie zu Ostern die Ostereiersuche.

Frau Mayer, die sind ja alle total nett. Jetzt traue mich auch, mal nach einem Praktikum zu fragen,
auch wenn es weiter weg ist.

Schülerin

Inwiefern profitieren die Unternehmen? Welche Rückmeldung bekommst du?

Die Unternehmen profitieren in mehrfacher Hinsicht. Zunächst kostet die Teilnahme an dieser Veranstaltung nichts, was im Vergleich zu anderen Messen eine erhebliche Ersparnis an Ressourcen bedeutet. Sie haben hier die Möglichkeit, wirklich direkt mit Schüler:innen in Kontakt zu kommen . Die Rückmeldungen der Unternehmen sind durchweg positiv, da sie die Gelegenheit schätzen, frühzeitig mit potenziellen Auszubildenden zu sprechen, sie kennenzulernen  und sich als Ausbildungsstätte und Arbeitgeber zu präsentieren. Einige Unternehmen finden hier auch direkt ihre neuen Azubis.

Wie wird dieses Event finanziert?

Die Finanzierung dieser Veranstaltung übernimmt die ausrichtende Schule. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sich mehrere Schulen zusammenschließen und die Kosten gemeinsam tragen. In diesem Fall werden verschiedene Zeitslots geplant, um den unterschiedlichen Jahrgängen und auch den externen Schüler:innen die Teilnahme zu ermöglichen.

Bisher bist du mit diesem Veranstaltungsformat vor allem in Halle (Saale) aktiv. Gibt es Pläne oder Ideen der Weiterentwicklung oder Ausweitung auf andere Landkreise?

Es gab bereits Anfragen von Schulen und Unternehmen, ob ich den Perspektiventag auch in anderen Landkreisen organisiere. Für das nächste Schuljahr ist sicher vorstellbar, den Perspektiventag an weiteren Schulen außerhalb von Halle umzusetzen. Leider ist die Finanzierung durch Schulen inzwischen ungewiss.

Vielen Dank für den wunderbaren Einblick.

 

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