Ganztagsschule klingt nach „mehr Schule“, ist aber ein komplexes Zusammenspiel aus Lernangeboten, Organisation und vielen Beteiligten – innerhalb und außerhalb der Schule. Was „guten Ganztag“ ausmacht, wird unterschiedlich gesehen – und genau das macht das Thema spannend. In der Rubrik „5 Fragen an“ blicken wir hinter die Kulissen: Wie gelingt guter Ganztag in Sachsen-Anhalt? Wer trägt dazu bei? Und woran zeigt sich erfolgreiche Zusammenarbeit? Neben Praxiseinblicken ist auch Platz für ein wenig Fantasie – vielleicht hilft ja ein (Ganztags-)Dschinni. 😉
Was bedeutet „guter Ganztag“ für Sie?
„Guter Ganztag“ beginnt für mich bei den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler. Ihre Wünsche und Perspektiven – ebenso wie die der Eltern – sollten die Grundlage für die Gestaltung sein. Deshalb beziehen wir sie aktiv in Planung und Entwicklung ein. Gleichzeitig muss Ganztag zum Bildungsauftrag von Schule passen: Er sollte Raum bieten für Themen wie soziale Kompetenzen, Gesundheit, Prävention und Demokratiebildung – und das nicht nur in klassischen AGs, sondern eingebettet in sinnvolle Angebote, die Lernen ganzheitlich unterstützen. Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit aller Beteiligten – Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und externe Partner. Durch den Austausch aller Beteiligten können Angebote besser auf die Schülerinnen und Schüler abgestimmt und auch der Unterricht bereichert werden, etwa im Sinne fächerübergreifenden Lernens.
Guter Ganztag ist für mich kein Zusatzprogramm am späten Nachmittag, sondern Teil des gesamten Schultages. Er sollte sinnvoll in den Tagesablauf integriert sein, etwa durch feste Zeiten wie ein Mittagsband, und mit dem Unterricht verzahnt werden. Darüber hinaus kann Ganztag auch Eltern stärker einbeziehen und Schule mit ihrem Umfeld vernetzen – eben durch gemeinsame Angebote oder Kooperationen mit externen Partnern.
Braucht es eine bestimmte Profession und/oder Befähigung, um im Ganztag zu arbeiten?
Ich denke schon, dass es eine bestimmte Befähigung braucht, um im Ganztag zu arbeiten. Es reicht nicht, einfach ein Angebot „laufen zu lassen“. Schülerinnen und Schüler wünschen sich mehr als nur Beschäftigung – sie brauchen Austausch, Struktur und eine bewusst gestaltete Gruppensituation.
Dafür braucht es die Fähigkeit, Gruppen gut zu begleiten und Angebote aktiv zu gestalten. Einen festen Kriterienkatalog habe ich nicht, aber entscheidend ist, ob jemand die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler erkennt und darauf eingehen kann. Denn Ganztag ist Teil des Bildungsauftrags von Schule. Es geht nicht nur um Inhalte, sondern auch darum, wie gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert. Angebote im Ganztag können hier wichtige Impulse setzen – etwa, indem Schülerinnen und Schüler beteiligt werden und lernen, Verantwortung zu übernehmen.
Welche Professionen sind an der Umsetzung/ Ausgestaltung des Ganztags beteiligt?
An der Umsetzung des Ganztags sind bei uns verschiedene Professionen beteiligt. Lehrkräfte spielen weiterhin eine Rolle, allerdings nicht als Verlängerung des Unterrichts.

Sie gestalten eigene Angebote, in denen neben fachlichen Inhalten auch soziale Kompetenzen im Mittelpunkt stehen. Durch die andere Atmosphäre entsteht eine andere Dynamik und häufig auch eine intensivere Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern.
Daneben bringen externe Partner, etwa aus Sportvereinen, ihre Erfahrungen ein und erweitern das Spektrum der Angebote. Eine wichtige Rolle spielt auch die Schulsozialarbeit. Sie nutzt den Ganztag, um Schülerinnen und Schüler anders zu erreichen – insbesondere jene, die im Unterricht wenig Erfolgserlebnisse haben. In gemeinsamen Angeboten (Chor- und Tanz-AG) entstehen neue Zugänge, Stärken werden sichtbar und positive Erfahrungen ermöglicht.
Der Ganztag wird so zu einem gemeinsamen Lern- und Erfahrungsraum verschiedener Professionen, die ihre Perspektiven einbringen und voneinander profitieren. Themen wie soziales Lernen, Umgang mit Herausforderungen oder persönliche Entwicklung werden dabei nicht nur in einzelnen Projekten behandelt, sondern kontinuierlich aufgegriffen.
Worin liegen die Stärken Ihrer Schule?
Eine Stärke unserer Schule ist, dass wir gezielt nach neuen Kooperationspartnern suchen und vorhandene Potenziale in der Region nutzen. So ist zum Beispiel die Zusammenarbeit mit der Hochschule Merseburg entstanden – ein Partner, der bisher kaum in schulische Ganztagsangebote eingebunden war.
Gleichzeitig verstehen wir Ganztag als gemeinschaftliche Aufgabe. Schülerrat, Eltern, Schulsozialarbeit und Lehrkräfte werden regelmäßig einbezogen, um Bedarfe zu klären und Angebote weiterzuentwickeln. Auch externe Partner bringen ihre Kompetenzen ein – etwa durch Impulse für das Kollegium zu Themen wie Social Media und Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler.
Wir versuchen zudem, Partner und Eltern stärker in die Schulgemeinschaft einzubinden und ihre Perspektiven aktiv zu nutzen. Ganztag ist für uns auch eine wichtige Ressource, um Schülerinnen und Schüler zu erreichen und zu stärken. Angebote sollen dazu beitragen, dass sie gern zur Schule kommen, Erfolgserlebnisse haben und sich nicht von Schule entfernen. Darüber hinaus bietet der Ganztag Raum, fachliche Kompetenzen anders zu fördern – etwa im MINT-Bereich oder durch strategische Spiele, die Denken, Problemlösen und Lernstrategien stärken.
Woran merken Sie denn, dass Kooperation im Ganztag gut gelingt und dass der Ganztag am Ende für Schülerinnen und Schüler wirksam ist?
Ob Kooperation im Ganztag gelingt, zeigt sich vor allem an den Angeboten selbst. Ein wichtiges Zeichen ist, wenn Schülerinnen und Schüler dabeibleiben, verbindlich teilnehmen und sich aktiv einbringen – dann hat das Angebot für sie einen echten Wert. Auch die Rückmeldungen der Eltern spielen eine Rolle. Sie nehmen stärker wahr, wie viel Engagement im Ganztag steckt, und entwickeln mehr Verständnis für die Arbeit der Schule.
Bei den Schülerinnen und Schülern wird Wirkung sichtbar, wenn sie Erfolgserlebnisse haben, Selbstwirksamkeit erfahren und sich weiterentwickeln – etwa indem sie neue Angebote nutzen oder Ergebnisse präsentieren. Ein weiterer Indikator ist das Kollegium selbst. Wenn Lehrkräfte den Ganztag aktiv mitgestalten, Ideen einbringen und Kooperationen anstoßen, zeigt das, dass sich etwas bewegt.
Insgesamt hat sich auch die Haltung an der Schule verändert: Vom kaum vorhandenen Ganztag hin zu einem wachsenden Angebot, das Schritt für Schritt weiterentwickelt wird.
Angenommen, Sie schlafen heute Nacht ein und ein Wunder geschieht: Sie begegnen einem (Ganztags-)Dschinni 😉 und er/sie/es gewährt Ihnen 3 Wünsche. Welche wären das?
Ein erster Wunsch wäre, dass Schulträger, Landesschulamt, Ministerium und Schulen gemeinsam noch einmal auf die bestehenden Strukturen schauen. Vieles ist über Jahre gewachsen und wurde mit „Ganztag“ bezeichnet, ohne wirklich neu gedacht zu sein. Wenn eine Schule eine Ganztagsschule ist, sollte sie auch entsprechend behandelt werden – etwa bei Ausstattung, Organisation und Ressourcen.
Ein zweiter Wunsch betrifft das Personal. Der Ganztag erfordert viel Koordination und Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern. Dafür braucht es qualifizierte Fachkräfte, die diese Aufgaben übernehmen können.
Ein dritter Wunsch betrifft die Qualifizierung der AG-Leitungen. Wer im Ganztag Angebote gestaltet, sollte den Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule kennen – also nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch Themen wie soziale Kompetenzen, Demokratiebildung oder den Umgang mit Konflikten aufgreifen können. Dafür braucht es gezielte Fortbildungsangebote, die externe Partner auf diese Rolle vorbereiten.
Und – das ist dann der vierte Wunsch, aber beim Dschinni ist hier vielleicht großzügig – wünsche ich mir eine Finanzierung, die sich stärker an den tatsächlichen Bedarfen orientiert, etwa unter Berücksichtigung sozialer und regionaler Bedingungen.




