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SCHULE LERNGERECHT GESTALTEN: EIN EINBLICK IN DIE GANZTAGS- & GEMEINSCHAFTSSCHULE LESSING IN SALZWEDEL

im Gespräch mit der Schulleitung

Eine alternative Rhythmisierung als Möglichkeit für bessere Beziehungsarbeit und individualisierte Lernmöglichkeiten – Im Interview geben Heike Herrmann und Stefan Hübner einen Einblick in den Alltag Ihrer Schule.

 

Frau Herrmann und Herr Hübner, an Ihrer Schule gibt es eine etwas andere Rhythmisierung der Unterrichtstage als bei anderen Schulen. Wie kamen Sie dazu, über dieses Thema nachzudenken?

Herr Hübner: Fast alle Schulen sind mittlerweile vom Lehrkräftemangel betroffen. Wir bilden hier keine Ausnahme. Dazu kommen u. a. mögliche Streichungen wie Klassenleiterstunden, die uns dazu bewegt haben zu sagen: Wir müssen weg vom immer noch klassischen 45-Minuten-Unter-richt, denn unter diesen Umständen bleibt die Beziehungsarbeit mit den Schüler:innen auf der Strecke.

Was haben Sie als erstes verändert?

Frau Herrmann: Das Erste, was wir gemacht haben, war tatsächlich die Schulklingel auszuschalten (schmunzelt). Damit kam mehr Ruhe in den Schulalltag. Das Zweite war eine für uns sinn-volle Rhythmisierung hin erst einmal zum Blockunterricht von je 90 Minuten. Diesen haben wir ab 2005 – als wir Ganztagsschule wurden – umgesetzt.

Wie kamen Sie dazu zu sagen, dass das 90-Mi-nuten-Modell für Ihre Schule immer noch nicht ganz passend war?

Frau Herrmann: Der Ursprung der Idee kam tatsächlich daher, dass ich bei meiner Tochter beobachtet habe, dass sie immer gerne früher zur Schule gefahren ist, weil sie z.B. gesagt hat „Lehrer X ist schon da. Der kann mir nochmal die Matheaufgabe erklären.“

Oder „Die oder die ist eher da. Ich kann mit ihr nochmal Geografie durchgehen.“ Und da dachte ich mir: Das ist doch eigentlich eine ganz coole Geschichte, da müsste man einmal ein Modell daraus machen.

Haben Sie das jetzige Modell daraufhin gleich selbst entwickelt?

Frau Herrmann: Oh nein, wir haben erst einmal angefangen zu schauen und sind umhergefahren: Wir waren in Hamburg Winterhude. Wir waren in der Querfurter Sekundarschule „Quer-Bunt“ von Frank Morgenstern. Aber das hat alles nicht so ganz zu uns als Schule gepasst, auch wenn tolle Inspirationen dabei waren. Daher haben wir uns hingesetzt und geschaut, wie wir aus den Einblicken aus den anderen Schulen und unseren individuellen schulischen Bedarfen das Beste rausholen können. Ergebnis war, dass wir von allen Unterrichtsstunden (45 Minuten gezählt) 5 Minuten weggenommen haben, so-dass wir von den drei Blöcken, die wir am Tag hatten, je 10 Minuten einsparen konnten. Diese haben wir als Summe (30 Minuten) vorneweg am Schultagesbeginn gesetzt.

Was gewinnen Sie durch diese 30 Minuten?

Herr Hübner: Die Schüler:innen haben nun morgens Zeit, erst einmal anzukommen. Die halbe Stunde ist bewertungs- und unterrichtsfreie Zeit zum Ankommen und Wachwerden. Wir werden so dem Tagesrhythmus des Kindes gerecht, da der eigentliche Unterricht erst 8.15 Uhr beginnt. In den 30 Minuten sieht das Kind immer die Klassenleitung als erstes, wodurch eine bessere Beziehungsarbeit möglich wird und für die 80-Minuten-Blöcke danach bedeutet das echte Lernzeit. Denn die Klassenleitungen haben manchmal nur zwei Stunden in der Woche mit der eigenen Klasse Unterricht. In dieser müssen sonst zahlreiche organisatorische Dinge geklärt und Ansagen gemacht werden. Lernzeit geht somit verloren. Deshalb liegen all diese Dinge jetzt in dieser halben Stunde vorneweg, die wir als Warm-Up – kurz WUP-Stunde bezeichnen.

Was wird neben organisatorischen Dingen im WUP geklärt oder gemacht?

Frau Herrmann: Schüler:innen, nutzen WUP gerne zum Wiederholen oder – bei Krankheit – Nachholen von ggf. versäumten Unterrichtsstoff als freie Lernzeit oder als Vorbereitung des tagesaktuellen Unterrichts. Für uns als Lehrkräfte ist die Zeit zudem praktisch, um Probleme und Konflikte von und mit Schüler:innen zu klären, da so der Unterricht nicht gestört wird. Auch die Schülervertretungsarbeit findet jeden Freitag ihren Platz in der WUP-Stunde, sodass die Mitglieder eine feste Zeit für Sitzungen haben. Ich als Schulleitung treffe mich ebenfalls zu dieser Zeit zu Gesprächen mit dem Schülerrat, sodass das nicht in den Nachmittagsbereich fallen muss.

Welche Schritte sind Sie gegangen, um die Idee umzusetzen?

Frau Herrmann: Wir waren zu Beginn 5 Personen. Jede:r von uns hatte die Aufgabe, noch eine weitere Person aus dem Kollegium für die Idee zu gewinnen. Schon waren wir 10 und danach sind wir viel in den Austausch gegangen. Es wurden zudem zwei verschiedene Einsatzpläne gemacht: Einer mit 90 Minuten und einer mit dem 80/10-System, um dem Kollegium die Befürchtung zu nehmen, dass mehr unterrichtet werden muss als vorher. Denn die größte Angst im Kollegium war tatsächlich, dass durch die gewonnene Zeit (125 Minuten pro Woche bei einer Unterrichtszeit von 25h) drei Klassen mehr in der Woche unterrichtet werden müssen, also das die gewonnene Zeit in Unterricht umgewandelt wird. So konnten wir zeigen: Es ist gar nicht schlimm! Dann gab es ein Stimmungsbild im Kollegium: 2 Enthaltungen und alle anderen waren dafür. Die Eltern waren sofort dafür und die Schüler:innen ebenso und letztlich gab es eine Abstimmung in der Gesamtkonferenz und die war einstimmig.

Meinen Sie, dass jemand aus Ihrem Kollegium heute noch gegen das 80/10-Modell wäre?

Herr Hübner: Provokativ würde ich behaupten, dass keine Hand nach oben ginge, wenn wir jetzt das Kollegium fragen würden, ob jemand im Kollegium gegen 80/10 ist. Am Ende hat jede:r gemerkt: Das bringt was! Wir kriegen mit, dass der Unterschied von 80 zu 90 Minuten für den Unterrichtserfolg nichts ausmacht und die Schüler:innen besser abgeholt werden können.

Was ist Ihrer Meinung nach der größte Mehrwert am 80/10-Modell?

Herr Hübner: Als Lehrender empfinde ich die 80 Minuten als sehr angenehm. Ich kann z.B. wirklich den Anspruch erheben, dass Schüler:innen Sachverhalte diskutieren und beurteilen, wenn Themen bearbeitet wurden. In 45 Minuten wäre das nicht möglich. Und zudem sind die 80 Minuten durch die WUP-Stunde tatsächlich für den Unterricht da und nicht für organisatorische Dinge. Im Wesentlichen ist die durch die 80-Minuten-Blöcke gewonnene WUP-Stunde die Wiedergeburt der Klassenleiterstunde. Und diesmal ist sie gewürdigt, indem sie abgerechnet wird. Und nebenbei: Bei Corona kommt uns WUP zugute, denn es muss keine Unterrichtszeit für das Testen genutzt werden.

Frau Herrmann: Zum einen haben wir ganz viel Kritik am Blockunterricht abgebaut. Zum anderen stärken wir dadurch die Klassenleitungen, die mit all ihren Aufgaben schulorganisatorisch, aber ebenso sozial eine extrem wichtige Stellung haben.

Wie hängt das 80/10-Modell bei Ihnen mit dem individualisierten Lernen der Schüler:innen zusammen?

Herr Hübner: Moderner Unterricht bedeutet für uns, dass der althergebrachte reine Frontalunterricht ausgedient hat. Und ich kann mich einfach nicht vorne hinstellen und 80 Minuten lang referieren – Wer soll da aufmerksam bleiben können? „Eigenaktivität der Lernenden“ heißt hier die Zauberformel. Genau das eröffnen uns die 80 Minuten. Das heißt nicht, dass nicht auch einmal eine frontale Phase darin vorkommt. Aber: Sobald die Schüler:innen beginnen, selbst aktiv zu werden, sind sie dabei. Sie sind beim Thema und machen mit.

Schaffen Ihre fünften und sechsten Klassen die Unterrichtsblöcke von Anfang an?

Herr Hübner: Ja, auf jeden Fall. Und wenn sie doch anfänglich nochmal nach 40 Minuten eine Pause brauchen, ist es bei uns vollkommen legitim, als Klasse kurz rauszugehen, eine Runde um den Sportplatz zu laufen und dann wieder thematisch weiterzumachen. Und damit zeigen wir den Kindern sogar noch, wie lernen zu Hause geht, denn Pausen sind genauso wichtig.

Ihre Zauberformel heißt „Eigenaktivität der Lernenden“ und dafür haben Sie zusätzlich eine konkrete neue Unterrichtsform in die Stundentafel integriert. Was hat es damit auf sich?

Frau Herrmann: Wir haben gemerkt, dass Schüler:innen besser lernen, wenn verschiedene Unterrichtsfächer miteinander vernetzt werden. Das machen wir bei uns, in dem wir u.a. das Fach Projektlernen eingeführt haben. Wir haben hier pro Jahrgang festgelegt, dass wir die Stunden der Natur- und Gesellschaftswissenschaften heruntersetzen und diese in das Projektlernen abgeben. Und wir haben gesagt, dass wir dieses Projektlernen fest in die Stundentafel einbauen.

Wie sieht das Projektlernen konkret aus?

Herr Hübner: Vier Stunden in der Woche haben die Schüler:innen bei uns das Fach Projektlernen. In dieser Zeit werden in jedem Schuljahr vier Themen bearbeitet, die aus den Bereichen Natur- und Gesellschaftswissenschaften kommen und jedes Fach gibt ein Thema rein. Die Fachlehrkräfte arbeiten zu, was an Pflichtthemen bearbeitet werden muss. Diese fallen dann aus dem „normalen“ Unterricht weg, da sie ja im Projektlernen bearbeitet werden. Diese Pflichtthemen bilden zwei Wochen einer Projektphase ab. Daran schließt sich eine 6-wöchige Phase an, in der die Schüler:innen eigen-ständig ein Thema bearbeiten können, was im weitesten Sinn zu dem vorgegebenen Oberthema passt. Das heißt, jede Projektphase dauert insgesamt 8 Wochen, bis die nächste beginnt.

Hätten Sie ein aktuelles Beispiel für uns?

Frau Herrmann: Ich kann da gerade sehr gut drüber berichten, da ich derzeit mit einer Klasse das Chemie-Thema „Kohlenhydrate, Fette, Ei-weiße“ bearbeite. Das Thema unterrichten auch Lehrkräfte, die sind, so wie ich, gar nicht ausgebildet für Chemie. Dennoch behandle ich das Thema mit den Schüler:innen, da ich es von einer Lehrkraft für Chemie ausgearbeitet bekomme und eine Einweisung dazu erhalte. Im Pflichtteil mache ich z.B. ein Experiment zum Stärkenachweis und andere Pflichtaufgaben, die bewertet werden. Das heißt, ich habe hier allein für die Pflichtaufgaben eine Note für Chemie. Für die sechs Wochen danach haben sich die Schüler:innen ganz unterschiedliche Themen gesucht. Wir haben z.B. jemanden, der die Weight-Watchers vorstellt, da diese ihr Punktesystem nach Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen erstellen. Eine andere Schülerin stellt derzeit eigene Schokolade her.

Das heißt, am Ende der 6 Wochen werden die Projektergebnisse vorgestellt?

Herr Hübner: Genau. Und das geschieht durch zwei Dinge: Erstens gibt es die Präsentation an sich, bei der sich die Schüler:innen ihre Ergebnisse in einer beliebigen visualisierten Form gegenseitig vorstellen. Zweitens ist es Bedingung, dass immer ein Produkt entstehen muss. Nach einer Projektlernphase gibt es dadurch drei Noten: Eine für das Pflichtthema, eine für die Präsentation und eine für das Produkt. Diese fließen dann in den Fachunterricht mit ein. Das bedeutet aber zugleich, dass sich die Kolleg:innen sehr kollegial miteinander absprechen müssen, denn die Noten einer „Nicht-Fachlehrkraft“ in Chemie müssen akzeptiert werden.

Was für innovative Lernprodukte sind schon entstanden?

Herr Hübner: Nun, mein persönliches Highlight war auf jeden Fall selbstgebrautes Bier (lacht). Besonders toll fand ich aber auch ein Produkt aus dem Fach Geschichte, bei dem ein Schüler ein Schild aus Holz hergestellt hat, um Heraldik (Wappenkunde) zu erklären.

Frau Herrmann: Ich fand im Bereich Physik besonders beeindruckend, dass ein Schüler mit Minecraft Tschernobyl nachgebaut und die damalige Explosion dort damit simuliert hat.

Sind Sie mit dem Projektlernen jetzt rundum zufrieden?

Frau Herrmann: Es bringt jetzt schon einen großen Mehrwert, aber wir evaluieren hier immer wieder und feilen an Aufgaben und Ähnlichem. Es gibt also immer etwas zu tun.

Herr Hübner: Die für alle sichtbaren Vorteile bestärken uns in unserer Entscheidung. Interessenbezogenes und eigenverantwortliches Lernen wird wirklich ermöglicht und dadurch schaffen wir es, wesentlich mehr Schüler:innen einen Lernerfolg zu verschaffen und Ihnen wichtige Kompetenzen für das spätere Leben mitzugeben.

Was ist Ihr nächstes Ziel, an dem Sie gerade arbeiten?

Frau Herrmann: Unser neuestes Vorhaben ist es, die Produkte, die die Schüler:innen herstellen, noch mehr wertzuschätzen. Daher arbeiten wir gerade an einer Idee, wie wir die Produkte zukünftig ausstellen können.

Da wünschen wir viel Erfolg und bedanken uns für Ihre Zeit!

März 2022