Ganztag am Lyonel-Feininger-Gymnasium
in Halle (Saale)

Im Interview mit Jan Klingler beschreibt uns der schulfachliche Koordinator und Lehrer für Mathematik und Informatik am Lyonel-Feininger-Gymnasium in Halle, warum das Modell der Ganztagsschule für eine moderne Schule nicht mehr wegzudenken ist, wie die Coronoa-Zeit den Schulalltag beeinflusst und wie sich aus seiner Sicht die grundsätzliche Rolle der Schulleitung verändert.

 

Herr Klingler, alltäglicher Ganztag am Lyonel-Feininger-Gymnasium Halle – wie sieht der normalerweise aus?

Grundsätzlich wollen wir mit unserem Ganztag Kindern und Jugendlichen die Chance bieten, sie bei ihren Potentialen und Ressourcen – unterrichtlich wie persönlich – abzuholen und damit einen ganzheitlichen Bildungsansatz zu ermöglichen. Demokratie und Mitbestimmung durch unsere Schülerinnen und Schüler sind dabei eine essenzielle Basis, um diese Möglichkeiten tatsächlich auch bedürfnisorientiert zu gestalten.

Schule von heute muss mehr sein als nur Unterricht anzubieten. Die Form der Ganztagsschule bietet uns hierfür die besten Möglichkeiten. Unser großes Ziel ist es, die Heranwachsenden auf einem für sie bestmöglichen Weg zu fördern und zugleich damit der wachsenden Heterogenität, wie sie mittlerweile auch in Gymnasien vorherrscht, Rechnung zu tragen. Dafür haben wir aktuell über 40 Kooperations-partner gewinnen können, mit denen wir außerunterrichtliche Angebote umsetzen. So können wir z.B. durch zusätzliche fächerbezogene Angebote, wie Sprachen und Mathematik, unsere Schülerinnen und Schüler intensiver auf Wettbewerbe wie die Matheolympiade vorbereiten oder bei Lernschwierigkeiten noch individueller Förderangebote unterbreiten. Das vielfältige Angebot ist auch ein Hauptgrund dafür, dass die Schülerinnen und Schüler bei uns sehr gerne bis 15 Uhr in der Schule sind.

Welche drei Dinge machen Sie besonders stolz, wenn Sie auf Ihren Ganztag schauen?

Unser Ganztagsschulkonzept hat einen starken Einfluss auf die identitätsstiftende Schulkultur. Klassenrat und Schulvollversammlung sind feste Bestandteile. Daneben haben wir ein tägliches „WarmUp“ für alle Klassenstufen. Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler schon bis zu eine dreiviertel Stunde vor Unterrichtsbeginn in die Schule kommen und sich frei beschäftigen können. In der Zeit findet viel Beziehungsarbeit zwischen den verschiedenen Klassen(stufen) statt, es werden kleine Spiele gespielt, sich gegenseitig beim Vokabeltraining geholfen und vieles mehr.

Zum anderen sind wir auch sehr stolz auf unser Mittagsband mit bewegter Pause. Wir möchten damit zu einer sinnvollen Mittagsgestaltung beitragen. Dafür haben wir ein eigenes Pausenkonzept entwickelt. 55 Minuten haben unsere Schülerinnen und Schüler täglich Zeit, in Ruhe zu essen und danach an verschiedenen ca. 30 minütigen Angeboten wie Yoga, Schreibwerkstatt oder Mediennutzung teilzunehmen. Die Kurse werden halbjährig gewählt, sodass eine Verbindlichkeit gegeben ist. Damit die Kombination aus Mittagsessen und Aktivität dabei funktioniert, haben wir ein spezielles Kartensystem für das Mittagsband entwickelt.

Und zum dritten ist es natürlich die große Zahl der Kooperationspartner, die uns verlässlich ein vielfältiges und schülerbedarfsorientiertes Angebot ermöglichen.

Wie sieht an Ihrer Schule der „rote Faden“ der außerunterrichtlichen Angebote aus?

Wir haben die Angebote für den Nachmittag in drei Bereiche aufgeteilt: Aktion und Bewegung ist der erste Bereich. Dort befinden sich z.B. Robotik und Programmieren, verschiedene Fitness-, Sport- und Tanzkurse. Den zweiten Bereich bilden Sprache und
Kultur. Themen sind dort unter anderem Englisch im Alltag oder die Musikwelten, in denen verschiedene Instrumente ohne Vorkenntnisse ausprobiert werden können. Aber auch das Drehen eines Dokumentarfilms zum Thema Nachhaltigkeit gab es bereits als Angebot in diesem Feld. Den dritten Bereich bilden Kunst und Gestalten. Hier ist es möglich, z.B. die Holzwerkstatt zu besuchen oder an einem Comic-Zeichnen-Kurs teilzunehmen. Gerade die handwerklichen Kompetenzen finden in den gymnasialen Lehrplänen eine untergeordnete Rolle. Wir finden es aber wichtig, dass jeder einmal die Möglichkeiten hatte, selbst etwas zu entwerfen und zu bauen oder etwas zu reparieren. Und wenn wir nicht als Schule solche Möglichkeiten bieten, wer kann und sollte es sonst?

Gibt es ein Erfolgsrezept, wie Sie zu den vielen Kooperationspartnern kommen?

Viele Kooperationen entstehen durch Praktika von Studierenden an unserer Schule. Wir suchen aber auch aktiv, in dem wir z.B. regelmäßig und bei Bedarf an den Universitäten selbst ausschreiben. Inzwischen erhalten wir auch immer mehr Initiativbewerbungen von potenziellen Kooperationspartnern. Auch große Institutionen wie die Stadtwerke Halle haben wir gewinnen können. Und natürlich gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die eigenverantwortlich Angebote umsetzen.

Das Lyonel-Feininger-Gymnasium ist in der glücklichen Situation, sich in Halle zu befinden. Was würden Sie Schulen empfehlen, die in ländlicheren Umgebungen angesiedelt sind und Kooperationspartner suchen?

Ich bin natürlich sehr dankbar für unser städtisches Umfeld. Es gibt aber genügend ländliche Ganztagsschulen, die zeigen, dass es nicht unbedingt eine Stadt braucht. Grundvoraussetzung ist, dass man sich trauen muss, die Schule nach außen zu öffnen. Das heißt auch zu verstehen, dass Lernen im Ganztag nicht bedeutet, beispielsweise alle Angebote auch im Schulgebäude stattfinden lassen zu müssen. Wichtig ist auch selbst aktiv zu suchen. Das kann ein erster Aufruf über Facebook, die Homepage oder E-Mails bzw. Briefe an Eltern sein, in dem darüber informiert wird, dass nach interessierten Firmen oder auch Familienmitgliedern gesucht wird, die ihr Wissen und Können weitergeben möchten. Vor allem Großeltern sind meines Erachtens da eine enorme Ressource. Ein weiterer Weg kann sein, trotz der ländlichen Situation Hochschulen anzuschreiben, denn auch Studierende sind manchmal Pendler, die aus der Region kommen. Nicht vergessen sollte man die lokale Wirtschaft, die Interesse hat, künftige Auszubildende zu gewinnen. Hier braucht es eine starke Netzwerk-Kompetenz der Schulleitung bzw. der Schule, um zuverlässige Kontakte für die Schule zu gewinnen und auch ein positives Bild der Schule nach außen und einen gegenseitigen Mehrwert zu vermitteln.

Wie haben sie als Schule die Corona-Situation gemeistert?

Wir hatten zum Glück bereits einen Tag vor den halleschen Schulschließungen einen 14-Tages-Plan ausgetüftelt und kurzfristig für alle Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte Zugänge und Passwörter für Moodle als Lernplattform angelegt und 1050
Elternbriefe per Serienbrief als Information gedruckt. Über Nacht wurden noch die einzelnen Kurse eingerichtet und Freitag konnten wir als Lehrer anfangen, diese zu füllen. Dadurch war ab Montag Unterricht via Distanz-Lernen grundsätzlich möglich. Innerhalb unserer Jahrgangsteams wurde sich dann intensiv über die Erfahrungen ausgetauscht und untereinander Unterstützung gegeben, z.B. zwecks der Kontrolle von Arbeiten, Erstellung von Quizzen und Feedbacks. Ich bin dabei besonders auf den Umstand stolz, dass alle Lehrkräfte an einem Strang gezogen haben und so trotz der schwierigen Umstände ein qualitativ guter Distanz-Unterricht möglich gewesen ist. Die vielen positiven Rückmeldungen der Eltern haben uns hier bestätigt.

Also hat Corona auch einen positiven Beitrag geleistet?

Ja, auf jeden Fall. Beispiel Moodle. Bislang gab es keine Notwendigkeit, diese für unerfahrene Nutzer zugegebenermaßen sehr komplexe Plattform zu nutzen. Corona war der Anlass, den es gebraucht hat, sich darauf einzulassen und sich nicht von der
Komplexität abschrecken zu lassen. Und jetzt, wo man einmal drin ist, sieht man, welche vielfältigen Möglichkeiten man hat, die sicherlich auch nach Corona weitergenutzt werden. Wir planen bereits ab nächstes Schuljahr einen festen Grundeinführungskurs in Moodle für alle künftigen 5. Klässler.

Zum Schluss: Welche wichtige Erkenntnis möchten Sie gerne abschließend mit uns teilen?

Alles, worüber ich gerade berichtet habe, steht und fällt mit der Schulkultur. Diese hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Schule hat sich vom Wissens- zum Kompetenzvermittler gewandelt. Lehrkräfte sollten nicht mehr die „Wissenden“ sein,
sondern die Lernbegleiter, die Ihre Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, selbstständig zu lernen, Probleme zu lösen und sich Wissen anzueignen. Die benötigten Kompetenzen im 21. Jahrhundert sind andere als die im Jahrhundert zuvor, davor darf sich Schule nicht verschließen. Das Kollegium muss flache Hierarchien vorfinden und eine gemeinsame Vision verfolgen, wobei jeder einen Teil der Gesamtverantwortung übernimmt. Schulleitung muss hierfür Freiheiten ermöglichen und eine positive Fehlerkultur ohne Ängste vorleben.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für das restliche Schuljahr!